Schülerinnen und Schüler der Abschlussklasse der Bergschule Apolda bei der Abiturfeier 2020 in einem Autokino. Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa
Abiturfeiern in der Pandemie
Schülerinnen und Schüler der Abschlussklasse der Bergschule Apolda bei der Abiturfeier 2020 in einem Autokino. Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa
Corona-Zeiten

Vernunft und Traurigkeit - Abiturfeiern in der Pandemie

Berlin (dpa) - Sicher ist nur, dass auch 2021 alles anders sein wird. Dario Schramm blickt eher freudlos auf die Aussicht einer gestaffelten Zeugnisübergabe. Schon im vergangenen Jahr sei es traurig gewesen zu sehen, was trotz aller Bemühungen von der Festlichkeit übrig blieb.

Die Sehnsucht ist zu hören, doch noch viel klarer wird: Für den Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz ist der Infektionsschutz nicht verhandelbar.

Ähnlich wie Schramm äußern sich auch andere Abiturientinnen und Abiturienten in den Landesverbänden. «Wir schützen unsere Familien», bei aller Sehnsucht nach einer gemeinsamen Abschlussfeier, nach dem sozialen Aspekt, den die Schule ausmacht, wie Joanna Kesicka aus Sachsen betont. Eine Verschiebung der diesjährigen Abiturfeiern auf das kommende Jahr sieht Schramm als keine Lösung: Nach mehr als einem Jahrzehnt Schule, nach dem Stress der Abiturprüfungen, soll der Schlussakkord nicht warten müssen.

Im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern wird klar: Das Abitur ist für sie nicht nur ein Schulabschluss, sondern das Ende eines Lebensabschnitts und der Beginn des Erwachsenenlebens. Eine ausgefallene Mottowoche, der fehlende Abistreich und eine abgesteckte Abschlussfeier wiegen schwerer als kurzweilige Disco- oder Festivalbesuche, die seit einem Jahr wegbrechen.

Dabei warten auf die Festkomitees auch praktische Hürden. Die Kassen der Abiturjahrgänge seien leer, so Schramm. Aktionen und Veranstaltungen, um Geld zu sammeln, seien im letzten Jahr kaum möglich gewesen. Doch es gibt kreative Ansätze - etwa gespendete Anteile an Onlinekäufen und die Unterstützung von Sparkassen. Bei aller gebotenen Vorsicht ist sich Schramm sicher: Sollte neben einer Zeugnisübergabe auch ein Abiball möglich sein, dann würde alles in Bewegung gesetzt, um das zu finanzieren und zu organisieren.

Auch Schulleiterin Birgit Rosner will alles tun, um auch in diesem Jahr einen krönenden Abschluss der Schulzeit möglich zu machen: «Ich will sie nicht einfach wegschicken.» Im vergangenen Jahr hatten laut Rosner Schule und Abiturjahrgang der Bergschule Apolda in Thüringen mit einer Zeugnisübergabe im Autokino und einem Abiball im Freien das maximal Mögliche erreicht: «Das war eine richtig tolle Lösung.» Obwohl das Kino inzwischen schließen musste und die Regeln strenger sind als im Vorjahr, gibt sich die Rektorin optimistisch.

Dabei schwingt bei ihr eine Menge Stolz mit, wenn sie erzählt, wie die Abiturientinnen und Abiturienten mit der Situation umgehen. Vor allem erstaunt sie die Motivation, der Wille sich auch nach über einem Jahr Ausnahmezustand nicht unterkriegen zu lassen. Die Schülerinnen und Schüler wirken erwachsener und eigenständiger als sonst, so Rosner. Sie sieht die aktuelle Situation als Krise - aus der die jungen Erwachsenen gestärkt hervorgehen werden.

Hierbei bekommt Rosner von Psychologen Rückendeckung: Es könnte bei dieser Generation zwar beim Start «etwas ruckeln», aber die jungen Menschen werden das emotional ausgleichen, wie Hans-Joachim Röthlein, Vorsitzender des Landesverbands bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen in Bayern, betont. Er und seine Kolleginnen und Kollegen beobachten eine sehr große Vernunftorientierung.

Wie Jugendliche insgesamt mit der Pandemie umgehen, das hatte bereits eine gemeinsame Forschungsgruppe der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Hildesheim interessiert. Die Forscherinnen und Forscher befragten daher Schülerinnen und Schüler während des ersten und zweiten Lockdowns zu ihren Erfahrungen und Sorgen: «Es geht um Homeoffice, Wirtschaft, einkaufen und Noten. Aber unsere Gefühle und was das für uns bedeutet? Pfff.», heißt es an einer Stelle überaus deutlich. Doch laut Angaben der Forschungsgruppe ist dies kein Ausdruck von Widerspruch gegen die Maßnahmen, ganz im Gegenteil: Die Jugendlichen haben bereitwillig Opfer gebracht, sie wollen nur, dass das auch anerkannt und gesehen wird. Es sind demnach nicht nur die Abiturientinnen und Abiturienten, sondern die große Mehrzahl der Jugendlichen, die zu ihrer Verantwortung stehen.

Ob die Abschlussjahrgänge schlussendlich belohnt werden, bleibt abzuwarten: Fragt man in den Kultusministerien der Länder nach der Planung für die Abiturfeiern in diesem Jahr, so schaut man dort noch nicht so weit in die Zukunft. Bereits im vergangen Jahr hätte man das Thema erst sehr kurzfristig geregelt, heißt es beispielsweise aus Baden-Württemberg. Erst im Juni - also einen Monat vor der Zeugnisübergabe - sei eine Entscheidung getroffen worden.

Die Schülerinnen und Schüler wollen auf jeden Fall das Beste aus ihren Möglichkeiten machen. Leon Schwalbe, der seinen Abschluss selbst erst im nächsten Jahr macht, fasst es als Sprecher der Landesschülervertretung Thüringen stellvertretend zusammen: Ja, Erlebnisse wie ein ausgefallener Abistreich könnten nicht ersetzt werden, aber man hätte ja auch eine Verantwortung. Es sei eine «Mischung aus Traurigkeit und Bekenntnis zur Vernunft.»

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