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James Bay - Chaos and The Calm - Radio 7

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Radio 7 mit Sebastian Pauls

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James Bay - Chaos and The Calm

James Bay - Chaos and The Calm

James Bay Pop
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Ungefähr eine Autostunde von Londons Innenstadt entfernt, dort also, wo sich die endlosen Siedlungen der vielen Vororte nach und nach in grüne Wiesen und Felder auflösen, befindet sich eine Kleinstadt namens Hitchin: Hier findet alljährlich das Rhythms of the World Festival statt, und hier liegen auch die Wurzeln des 23-jährigen Singer/Songwriters James Bay. Ein recht unscheinbares Städtchen also, und doch genau die Art von Nährboden, die aus irgendeinem Grund in unregelmäßigen Abständen die besten Sänger Englands hervorbringt, Musiker und Songwriter, die unglaublich geerdet sind und es verstehen, ihre Weltsicht, ihre Emotionen in Songs zu verwandeln. So auch in seinem Fall: „Ich versuche Songs zu schreiben, die bei den Zuhörern intensive Gefühle wecken und sie, wenn ich Glück habe, sogar richtig bewegen“, so James. James Bay ist alles andere als ein gewöhnlicher 23-Jähriger: Er wirkt extrem reif für sein Alter, spielt unfassbar gut Gitarre, von seinem Können als Songwriter ganz zu schweigen. Der junge Mann aus Hitchin, der mit seinen Songs gleichermaßen an das Werk von Miles Davis und Bruce Springsteen anknüpft, nimmt schon deshalb kein Blatt vor den Mund, weil er stets auf der Suche „nach diesen Gänsehaut-Momenten“ ist. „Die Stücke sollen einfach menschlich und emotional klingen“, so sein Kommentar. „Und es ist zwar fast unmöglich, diese Balance genau zu definieren, aber ich erkenne sie einfach, wenn ich sie höre. Mein ganzer Ansatz ist dermaßen persönlich, dass es ehrlich gesagt manchmal gar nicht so leicht ist, die Songs mit anderen Menschen zu teilen.“ Er teilt sie trotzdem und präsentiert in seinen Aufnahmen die eigenen Versuche, seiner Umwelt einen Sinn abzugewinnen, die Menschen um ihn herum und das Zusammenspiel von Liebe und Verlust zu verstehen...
James Bay - Chaos and The Calm

Sein Instrument, die Gitarre, entdeckte James bereits im zarten Alter von 11 Jahren: Er hatte seine Eltern gefragt, ob er „die olle Klampfe“ mal ausprobieren könne, die sein Vater einst von seinem Onkel gekauft hatte und die nun schon seit 15 Jahren als Staubfänger im Schrank herumlag. „Ich hatte sie davor zwei, drei Mal in meinem Leben wahrgenommen, und plötzlich wollte ich sie unbedingt rausholen und ausprobieren. Also öffnete ich den Schrank, und sie hatte zwar nur noch fünf verrostete Saiten, aber als ich mich hinsetzte und sie so in den Händen hielt, war das ein unglaubliches Gefühl – besser als alles andere in der Welt“, berichtet Bay. „Es fühlte sich einfach verdammt cool an.“ Die Idee, selbst Musik zu machen und sich überhaupt intensiver damit auseinanderzusetzen, löste ganz neue Gefühle bei ihm aus, und so schnappte er sich seinen Vater und zog mit ihm los zum nächsten Gitarrenladen, um das ramponierte Instrument auf Vordermann zu bringen. „Wir wussten ehrlich gesagt gar nicht, was wir da eigentlich wollten, also sagten wir, dass sie hinterher einfach irgendwie besser klingen soll!“ Die Idee, den Umgang mit dem Instrument mit einer Übungs-CD zu erlernen, warf James schnell wieder über den Haufen und spielte stattdessen einfach nach Gehör: Er legte Van Morrison auf oder „Layla“ von Derek & The Dominos und versuchte sein Glück. „Ich hab halt die Sachen mitgespielt, die ich damals cool fand“, berichtet Bay, der nach und nach die gesamte Plattensammlung seiner Eltern nach Folk-Alben aus dem Greenwich Village und Motown-Klassikern abgrasen sollte. Und so wurde aus dem neuen Hobby schon wenig später eine regelrechte Obsession, was auch bedeutete, dass die Nachbarn immer häufiger darum baten, den Verstärker doch bitte etwas leiser zu drehen: „Oh ja, ich hab damals richtig aufgedreht! Die Fenster mussten beben, wenn’s nach mir ging!“ Wenig später gründete er mit seinen Brüdern und anderen Freunden die ersten Bands, in denen er zwar nie die Rolle des Frontmannes übernahm, irgendwie aber schon wusste, dass sich das eines Tages noch ändern würde. „Ich war immer schon davon überzeugt, dass ich irgendwann etwas machen würde, wo ich auch selbst am Mikrofon stehe.“ Mit 16 war es dann soweit: Er versuchte sich erstmals als Solokünstler – mit dem Ziel, die eigenen Songs „ein paar Betrunkenen im Pub vorzuspielen. Ich wollte herausfinden, ob ich sie damit wohl zum Schweigen bringen könnte.“ Seinen ersten Soloauftritt absolvierte er dann im Vorprogramm der eigenen Band, zu der auch sein Bruder gehörte: „Ein paar der Betrunkenen hörten tatsächlich zu, manche redeten auch einfach weiter, aber ich hatte so viel Spaß, dass ich es danach unbedingt gleich noch mal machen wollte.“ Mit 18 kehrte James Bay seiner Heimatstadt schließlich den Rücken, um in Brighton Gitarre zu studieren. Für seine Karriere als Solomusiker war es die richtige Entscheidung, dabei hätte er beinahe einen ganz anderen Weg eingeschlagen: Auch mit Bleistift und Pinsel extrem talentiert, hatte James lange Zeit den Plan gehabt, nach der Schule Kunst zu studieren, entschied sich in letzter Minute dann aber doch für das Musikstudium. „Ich konnte meine Finger einfach nicht von der Gitarre lassen, konnte das Ganze nicht als irgendein Hobby abtun, das ging einfach nicht“, erinnert er sich. Sobald er in Brighton angekommen war, versuchte er sich als Straßenmusiker und spielte fünf Abende pro Woche auf irgendwelchen Open-Mic-Nächten in den verschiedenen Mini-Clubs und Bars. „Und wenn es mal nicht so gut lief, konnte ich am nächsten Abend einfach eine Tür weiterziehen und mein Glück 50 Meter weiter im nächsten Laden versuchen.“ Schließlich gelang es ihm, regelmäßige Auftritte zu bekommen, und obwohl Bay sein auf drei Jahre ausgelegtes Studium nie abschließen sollte, wurde er schließlich bei einem Auftritt am College von einer Management-Firma entdeckt: Genau genommen waren sie erst am Vorabend im Netz über seine Musik gestolpert, hatten daraufhin beim College angefragt, wann er denn das nächste Mal auftreten würde, und als sich dann herausstellte, dass er schon am nächsten Tag zusammen mit 24 anderen auf der Bühne stehen sollte, waren sie kurzerhand von London nach Brighton gekommen, um dieses junge Talent live zu sehen... Und so verließ James den Küstenort schließlich wieder und zog weiter nach London: „Den Plan, nach London zu ziehen, hatte ich schon länger im Hinterkopf gehabt. In den Staaten redet man von Los Angeles, man redet von New York, und hier dreht sich nun mal alles um London.“ In der Metropole angekommen, machte er sich mit seinen Live-Shows im Handumdrehen einen Namen, und so landeten auch immer mehr Anfragen von angesagten Acts auf seinem Tisch, die ihn fürs Vorprogramm buchen wollten: Einer dieser Acts waren die Rolling Stones, bei deren gigantischem Konzert im Londoner Hyde Park er im Sommer 2013 spielen durfte – ein Moment, der sein ganzes Leben schlagartig verändern sollte: „Ich wäre beinahe vom Stuhl gefallen, als ich davon hörte“, sagt Bay zurückblickend, der gerade zum ersten Mal in Los Angeles war, als er davon erfuhr. Seither war er unter anderem mit ZZ Ward, Kodaline, Tom Odell, John Newman und Beth Orton auf Tour und hat in den renommiertesten Konzerthallen der Welt gespielt, so zum Beispiel im Troubadour (Los Angeles) und im Fillmore (San Francisco). Doch es gab noch einen anderen, eigentlich viel weniger spektakulären Abend, der ebenfalls sein Leben verändern sollte: Ein Zuschauer war von James’ Auftritt in einem Pub in Kentish Town dermaßen angetan, dass er ein Video davon machte und den Clip ins Netz stellte, was wiederum dazu führte, dass einer der A&Rs von Republic Records wenige Wochen später besagtes YouTube-Video sah und komplett umgehauen war von dieser Performance. „Das war der eigentliche Startschuss“, meint James. „Eine Woche später wurde ich vom Label schon nach New York geflogen, um alle möglichen Leute zu treffen und meinen Vertrag gleich an Ort und Stelle zu unterzeichnen. Dieses Video fühlte sich halt so an, als ob man mit mir in diesem winzigen Club sitzen würde, obwohl die Zuschauer in Wirklichkeit tausende von Meilen entfernt waren.“ Vor rund einem Jahr hat James Bay die Arbeit an seinem Debütalbum begonnen: Aufgenommen in den legendären Blackbird Studios in Nashville, hat er sich Jacquire King als Produzenten an die Seite geholt, bekannt für seine Arbeit mit Kings of Leon und Tom Waits, nachdem James seinen Namen auf einer CD von Kings of Leon entdeckt hatte: „Er stand ganz oben auf meiner Liste“, so Bay. Dem dreifachen Grammy-Gewinner wurde der Link von James’ Live-Performance in Kentish Town zugeschickt, woraufhin King sich sofort zurückmeldete und sagte, er wolle unbedingt an diesem Album arbeiten. „Ich konnte es echt nicht fassen“, erzählt Bay. „Da sitze ich in meiner kleinen Bude und plötzlich unterhalte mich mal eben mit Jacquire King über Skype!“ Es folgten mehrere Sessions in den Blackbird Studios, immer dann, wenn James etwas Zeit zwischen seinen Auftritten in UK und den USA hatte. „Das war einfach nur absurd“, berichtet der Sänger daraufhin vom Studio selbst, das nicht selten als eines der besten der Welt angeführt wird. „So richtig verarbeitet habe ich das alles immer noch nicht... muss man sich mal vorstellen: Da kommt dann auch mal ein Willie Nelson vorgefahren!“ Und in diesem unglaublichen Studio entstand auch seiner bereits erschienen EP: „Let It Go“, ein aus insgesamt fünf Folk-Songs bestehender Vorgeschmack, zu dessen Highlights „If You Ever Want To Be In Love“ gehört, ein in Soul getränktes Stück, das gleichermaßen mit Gospel- und Rock-Elementen flirtet und dabei durch und durch zeitgenössisch klingt. Im Jahr 2014 hat James Bay bereits die einschlägigen Festivals in UK gespielt – Glastonbury und das schottische „T in the Park“ zum Beispiel – und ist für Stevie Wonder im Londoner Clapham Common im Vorprogramm aufgetreten, um gleich im Anschluss mit Hozier auf US-Tour zu gehen. Auch seine andere Leidenschaft, die Kunst, hat er noch nicht ganz aufgegeben, denn gerade auf Tour greift er regelmäßig zum Bleistift. „Ich entdeckte die Musik und hab mich sofort in sie verliebt, aber das Zeichnen und Malen war ja schon viel früher ein Teil meines Lebens“, meint James. So hat er sich nach Jahren auch mal wieder eine Leinwand gekauft und malt derzeit seinen Lieblingsautor: James Baldwin. „Der Typ sieht einfach so cool aus, da kann kein anderer mithalten“, so sein Kommentar über den Autor von „Notes of a Native Son“. Er gibt offen zu, dass ihn Landschaftsmalerei und Stillleben kein bisschen interessieren, schließlich zeichne er viel lieber Menschen und besonders deren Gesichter. Was kein bisschen überrascht: In seinen Bildern und Zeichnungen geht es James Bay, genau wie in seiner Musik, um Menschen, um Austausch und Reflexion.

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