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Herbert Grönemeyer - Dauernd jetzt - Radio 7

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Herbert Grönemeyer - Dauernd jetzt

Herbert Grönemeyer - Dauernd jetzt

Herbert Grönemeyer Pop
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Herbert Grönemeyer ist nicht nur Sänger, Musiker, Komponist, Dichter, Schauspieler – sondern auch ein großer Zeitforscher. Einer, der den Dingen immer schon ihren inneren Takt angehört hat. Ein Fantast der ewigen, glühenden Augenblicke, der schnell vorbeifliegenden Stunden und tagelangen Nächte. Einer, der sich noch nie von Zyklen, Schedules und der verbreiteten Annahme beeindrucken ließ, das Leben würde so simpel ticken wie ein Uhrwerk. Ein Poet mit komplett eigenem Rhythmus. Ein Zeitraumfahrer. Und jetzt, im Jahr 2014, ist bei Grönemeyer das Jetzt dran.
Herbert Grönemeyer - Dauernd jetzt

„Momentan ist richtig, momentan ist gut“, so programmatisch begann ja schon vor zwölf Jahren sein Song „Mensch“, die Rückmeldung nach besonders schweren Jahren, das Titellied des heute mit einer Auflage von weit über drei Millionen meistverkauften Albums aller Zeiten in Deutschland. Eine Standortbestimmung, ein erster Rundblick mit den Augen, die gerade eben aus dem Abgrund aufgetaucht waren und sich wieder ans Licht gewöhnten. „Es gibt kein Damals mehr, es gibt nur ein Jetzt, ein Nach-Vorher“, sang er dann, neun Jahre später, auf „Schiffsverkehr“, dem ersten Song der gleichnamigen Platte, die 2011 wieder auf dem ersten Platz der deutschen Charts landete. Das Lied, ein Sprung in die Bugwellen, erzählte vom Aufbruch und Neustart, von der Situation, in der man nicht mehr zurückschaut, zugleich aber auch entschieden weniger vorausblickt, als es das alte Bild vom Käpt’n auf der Steuerbrücke suggeriert. „Dauernd Jetzt“ heißt das neue Grönemeyer-Album. Sein vierzehntes, konservativ gezählt – sein fünfundzwanzigstes, wenn man alle Soundtracks, englischsprachige Veröffentlichungen, Live- und Remix-Platten mit dazurechnet. Und es ist das Werk, mit dem der Künstler nun endlich und tatsächlich ganz im Zustand des Momentanen angekommen ist, von dem in seinen Texten schon so oft die Rede war. Die Feier der Präsenz, des Augenblicks, der ja genau das Gegenteil von Flüchtigkeit verspricht. Nämlich hundertprozentige Gegenwart. Einen Titelsong gibt es dieses Mal nicht, aber man kann die Zeilen aus dem grandiosen Glamrock- Singalong „Wunderbare Leere“ gern als Programm für 2014 verstehen: „Ich dauer’ jetzt, leb’ momentan“, erklärt der Künstler hier. „Es herrscht wunderbare Leere, schwerelos – und die Welt sperrangelweit.“ Durch und durch optimistischer kann man den Gedanken, dass zu viel Zukunftsgrübeln einem oft nur die herrliche Gegenwart zerbröselt, kaum ausdrücken. „Man muss einen Weg finden, um sich mit dem Jetzt zu vereinigen“, sagt Herbert Grönemeyer, wenn man ihn nach der Haltung hinter „Dauernd Jetzt“ fragt. „Denn am Ende ist alles, was kommt, in erster Linie eine Streckung dieses Moments.“ Kurz die Fakten: Im Oktober 2013 waren Grönemeyer und sein Koproduzent und tiefenmusikalischer Partner Alex Silva – im Team seit „Bleibt alles anders“ von 1998 – an die Arbeit gegangen, konzipiert und aufgenommen wurden die zwölf Stücke (16 in der Deluxe-Ausgabe) in den Berliner Hansa- Studios, den RMV Studios in Stockholm (Betreiber: Ex-ABBA-Mastermind Benny Andersson) und La Fabrique im französischen Saint-Rémy de Provence – ein altes Gutshaus, in dem sich die ganze Grönemeyer-Band im Frühjahr 2014 für zwei Wochen einmietete, gemütlich und angestachelt zugleich, und einige Songs unter Live-Bedingungen einspielte. Zu den prominenten Gastmusikern, die auf „Dauernd jetzt“ zu hören sind, gehören Travis-Sänger Fran Healy, der auf „Morgen“ Gitarre spielt, die finnischen Irrsinns-Streicher von Apocalyptica („Uniform“) sowie das weltbekannte Duo Amadou und Mariam aus Mali. Ihre History mit Grönemeyer begann schon 2006, als man beim Fußball-WM-Song „Zeit, dass sich was dreht“ zusammenarbeitete. Für „Feuerlicht“, das die Standardversion des neuen Albums abschließt, schrieben und sangen sie eine Chorpassage in ihrer Muttersprache Bambara, Amadou Bagayoko steuerte außerdem seine typische Gitarre bei – die so laid back ist, dass man sie zuerst nur als unbewusste Welle wahrnimmt. Ein lautmalerisch-idealer Part für ein Stück, das aus der Perspektive des Flüchtlings erzählt, wie viel die Sehnsucht nach Heimat mit Entfaltung und Ruhe zu tun hat und wie wenig mit wirtschaftlichen Vorteilen: „Nur eine stille Nacht/ Die sich kümmert, mich bewacht/ Die um mich weiß und nicht schweigt.“ Was an „Dauernd Jetzt“ schon beim allerersten Hören auffällt, was einem diese Platte unmittelbar und eminent ans Herz wachsen lässt, was sie – gerade im Vergleich zum vollorchestrierten „Zwölf“ und zum donnernd rockenden „Schiffsverkehr“ – zu einem ganz außergewöhnlichen Grönemeyer- Album macht: ihre Transparenz, ihre abenteuerlustige Freude an Klangfarben aller Art, die vor allem aus Tasteninstrumenten und Elektronik kommen. Dass der Künstler selbst Keyboarder ist, dass er Downtempo-Clubmusik à la Massive Attack oder Kruder & Dorfmeister liebt, damit hängt es selbstverständlich zusammen. Partner Alex Silvia und er hatten sich extra zum Ziel gesetzt, so behutsam wie möglich an den Basic Tracks weiterzuschrauben, die als musikalische Grundlage entstanden waren. Keine unnötige Frequenzlast aufzuhäufen, wenn Flächen, Klavier und Bass-Puls vielleicht schon alles sagten, was es zu sagen gab. Aber die neue, ungeheure Leichtigkeit der Grönemeyer’schen Songs erklärt sich eben auch aus dem Zeitfaktor. Aus dem Leben, das sich nach dem brutal harten Ritt wieder beruhigt und stabilisiert hat, das heute viel mehr Energie und Witz in seine Kunst fließen lässt, als es noch vor zehn Jahren denkbar gewesen wäre. „Ich bin langsam wieder da angekommen, wo ich hinsichtlich meiner musikalischen Praxis in den 80er-Jahren stand“, sagt Herbert Grönemeyer – und um das zu bestätigen, muss man nur den gewaltigen Output der vergangenen vier Jahre betrachten, die ausgiebige, ausverkaufte „Schiffsverkehr“-Tour, die englischsprachige Platte „I Walk“, die Auftritte in London, New York, Chicago, den Soundtrack für „A Most Wanted Man“, den aktuellen Film seines langjährigen künstlerischen Freund Anton Corbijn. Und die allerhöchst animierte, teilweise fast überschwängliche In-your-Face-Haltung, mit der er auf „Dauernd Jetzt“ über Themen wie Digitalisierung („Uniform“), Fußball („Der Löw“) und nationales Gewissen singt (im überaus bemerkenswerten „Unser Land“, zu dem es spannende Diskussionen geben könnte). Im Jetzt angekommen – das kann man, bei Sonne betrachtet, natürlich auch als Phrase missverstehen. Um diesem neuen, fantastischen Grönemeyer-Album gerecht zu werden, muss man es irgendwie anders ausdrücken. Man muss von den Momenten sprechen, die er in diesen Songs einfängt. Die zugleich speziell und universell sind, hundertprozentige Gegenwart atmen und doch ausstrahlen auf das, was war und sein wird. Ein bisschen so, wie wir es vom berühmten Madeleine- Gebäck in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ kennen. Oder vom Steinzeitknochen in Stanley Kubricks Film „2001“, der durch die Luft wirbelt und sich dabei in ein Raumschiff verwandelt. Jetzt dauernd. Dauernd Jetzt. Aber man kann sich auch die vielen Worte sparen. Und es so zusammenfassen, wie Herbert Grönemeyer das selbst tut, in einigen Songs der neuen Platte, in denen man hören kann, wie er live im Studio begeistert seine Mitmusiker und zukünftigen Zuhörer anfeuert: „Come on! Sing it!“ Ganz genau. Das sagt alles.

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