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Sarah Connor - Muttersprache - Radio 7

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Sarah Connor - Muttersprache

Sarah Connor - Muttersprache

Sarah Connor Pop
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Ich kam mit 19 ins Musikgeschäft, wurde auf Anhieb ein „Star“ in Deutschland, Europa und sogar ein bisschen in Amerika, verkaufte über 7 Millionen Platten und habe 2005 meine Hochzeit und drei Monate meines schnellen Lebens im Rampenlicht im Fernsehen mit einem riesigen Publikum geteilt. Das war die Zeit vor Facebook. Indem Hunderttausende einen imaginierten „Like“-Button drückten, glaubten sie, über mich schon alles zu wissen. Heute weiß ich, dass dies meine Warhol’schen 15 Minutes of Fame waren – eine geteilte Oberfläche, eine schillernde, faszinierende Pop-Bubble. Das waren die ersten zehn Jahre meiner Karriere. Tatsächlich habe ich vor fünf Jahren meinen Plattenvertrag bewusst auslaufen lassen und mich um meine Familie und meine Kinder gekümmert, ich wollte sie aufwachsen sehen. Zum ersten Mal in zehn Jahren habe ich die Bremse gezogen und durchgeatmet – ein normales Leben mit normalem Alltag. Ich habe mir eine Auszeit im Privaten genommen, die wenige andere Popstars – der von mir verehrte Bob Dylan vielleicht ausgenommen – ihrer Karriere je zugemutet haben. In diesen fünf Jahren war ich indes nicht untätig. Ich habe mein gesamtes künstlerisches Selbstverständnis auf den Prüfstand gestellt. Nur nicht meinen Gesang, denn ich weiß, dass ich singen kann. Aber dass ich selbst Songs schreiben kann, selbst texten, selbst produzieren, sogar selbst bestimmen kann, wie, was, wann und wo ich veröffentliche hätte ich mir noch vor wenigen Jahren niemals zugetraut. Also habe ich nach Partnern gesucht, die mir dabei helfen, mich selbst musikalisch auszudrücken. Ich habe dabei viele Menschen kennengelernt, viele verschiedene Musiker. Ich habe überall zugehört, reingehört, mitgemacht, mitmachen zugelassen, beobachtet, verdaut, meine Schlüsse daraus gezogen. 60 englische Songs sind auf diese Weise zunächst entstanden. Was mit ihnen passiert, weiß ich noch nicht. Denn zugleich wurde mir plötzlich etwas anderes klar: Ich muss in meiner Muttersprache singen. Und mehr als das: Ich wollte, dass die echte und aufrichtig ehrliche Emotionalität meiner Stimme eingefangen wird, dass sie auch auf deutsch endlich mal richtig zur Geltung kommt. Dafür musste ich lernen, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen. Dort, wo es richtig wehtut ist es gut. Denn: Wenn man die eigene Stimme beherrscht, kann man fast alles singen, man kann Emotionen vortäuschen, Gefühle posen. Aber will ich das? Einzig: Dass es so schwer sein würde, Songs zu schreiben, die diesem Anspruch standhalten, hätte ich nicht für möglich gehalten. An meinem neuen Album habe ich die letzten fünf Jahre gearbeitet, da ich darauf bestanden habe, auch die Jobs selbst zu machen, für die man normalerweise jemanden engagiert. Einfach und allein aus dem Grund, weil ich niemanden gefunden habe, der es mir so richtig Recht machen konnte. Ich wollte meine Songs nicht in fremde Verantwortung übergeben, habe „alles so gewollt, den ganzen Terror und das Gold“. Juliette Gréco nennt es die „école du trottoir“, die Schule der Straße, bei mir müsste man wohl von der „école du studio“ sprechen: In den letzten fünf Jahren habe ich in Studios in Deutschland, in England und in Amerika mein praktisches Musikstudium nachgeholt, auf eigene Faust. Ich habe mich meiner eigenen Vorstellung von Musik, von Gesang, von eigenen Texten gewidmet und mir alle Zeit der Welt genommen, die meine Songs von mir gefordert haben. Anfang letzten Jahres hat mich eine Freundin Peter Plate, Ulf Sommer und Daniel Faust vorgestellt – das waren in ihrem „vorigen Leben“ Rosenstolz. Und plötzlich waren da Menschen mit einem extrem feinfühligen Händchen. Ganz behutsam, mit viel Spaß und sanfter Bestimmtheit, haben sie mich ermutigt, meinen Instinkten zu folgen, haben sich auf mich und meine eigenwillige Art zu texten und zu komponieren eingelassen und wurden innerhalb von ein paar Monaten meine wichtigste Reflexionsfläche. Ohne ihre Liebe und Freundschaft und ihr Talent wäre dieses Album ein völlig anderes geworden. Auf der Suche nach meiner eigenen Sprache habe ich übrigens wenige deutsche musikalische Vorbilder vorzuweisen. Es hat mich einfach nie umgeben. Ich bin mit Soul und Jazz aufgewachsen und habe bis heute leider keine deutsche Lieblingsband, die mich so richtig erreicht. Aber ich bin offen und interessiert daran, wie Künstler, egal ob deutsch oder englischsprachig, etwas kreieren, das viele andere genau ins Herz trifft. Ich danke Künstlern wie Bob Dylan, Leonard Cohen, Joni Mitchell, die ich abgöttisch verehre ebenso wie India Arie! Aber auch jüngeren Künstlern wie Macklemore, Sia, Lorde, Adele und London Grammar, die ich alle studiert und analysiert habe und deren Musik mir so viel Freude bereitet hat. Ich bin heute überzeugt, dass all die großen Songschreiber ihre Songs aus demselben Beweggrund geschrieben haben: Sie haben genau hingesehen, sie haben ein dringliches Anliegen, sie haben sich damit auseinander gesetzt und dann ihrer Sprache vertraut. Den Anfang markierten bei mir meistens auf der akustischen Gitarre geschlagene Akkorde oder ein Klavier. Wenn ich oder auch meine jeweiligen Partner das Gefühl hatten, dass die Akkorde passten, haben wir darüber Melodien gesungen, in Fantasiesprache. Ich habe im Laufe dieses Prozesses sogar gelernt ein bisschen Gitarre zu spielen. Am Ende zogen wir uns dann zurück, um zu texten. Das dauerte am längsten, da ich eben ganz genaue Vorstellungen habe, wann etwas nach mir klingt. Ich habe mich dabei zeitweise ein wenig entfernt vom typischen Soul von Aretha Franklin und Nat King Cole und Marvin Gaye – der Musik, mit der ich aufgewachsen bin – und angefangen minimalistisch arrangierte Songs zu schreiben, die meiner Art zu Singen entsprechen, die meine Reime und Melodien gut vertragen. Denn das ist genau die Herausforderung: Musik und Text müssen ineinander aufgehen, die eigene Sprache muss singbar gemacht werden, damit meine Songs funktionieren. Und: Die Produktion darf die Stimme nicht erschlagen. Ich suche im Studio immer nach der Essenz dessen, was ich ausdrücken will. Ich will nicht sperrig sein, aber auch nicht zu leicht, ich will zugleich unterhalten, aber vor allem will ich ehrlich bleiben. Textlich und musikalisch. Und das dauert. Für mich fühlt sich das an wie eine Wissenschaft. Und es erklärt, weshalb mein neues Album fünf Jahre gebraucht hat, und warum ich es in meiner Muttersprache eingesungen habe. Jetzt entlasse ich dieses Album, diese Sammlung von Songs, in die Welt, wo es ein Eigenleben führen wird. Es fühlt sich so an, als wäre ein Kind erwachsen geworden. Sarah Connor
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