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Radio 7 mit Linda Borrmann

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Mehr Zeit zum Essen!

Bild: sxc.hu/meral akbulut

Genuss bewusst


Ist Essen Nebensache? Fast Food-Kultur und Tiefkühlkost animieren zum Snack zwischendurch und selbst beim Essengehen ist man oft nicht mehr bei der Sache...

Ist es die Zeitung zum Frühstück oder nur noch das Frühstück zur Zeitung? Man lässt während des Abendessens den Fernseher laufen und hat Snacks neben dem Computer stehen. Auf dem Weg zur Arbeit wird das belegte Brötchen vom Bäcker verdrückt und in der Mittagspause das Kantinenessen heruntergeschlungen. Das zunehmende Tempo unserer Gesellschaft wirkt sich offensichtlich auch auf unser Essverhalten und vor allem  -verständnis aus.

Handy-Light-Dinner

Ein Essen mit Freunden - der Genussklassiker schlechthin: Zu einem leckeren Menü gönnt man sich ein Glas Wein und gute Gespräche. Immer öfter aber leider mit den Bekannten, die gar nicht anwesend sind. Ob man mit Freunden simst oder immer erreichbar für den Chef sein muss, das Handy gehört inzwischen so selbstverständlich zur Tischdeko wie Kerzen oder das Besteck. Während man durch Facebook oder seine E-Mails scrollt, wird die Gabel mechanisch zum Mund geführt. Einem Restaurantbesitzer in Los Angeles schmeckte diese Szenerie gar nicht - und er konterte originell: Seit Kurzem bekommt jeder Gast, der im "Eva" in L.A. essen geht, fünf Prozent Rabatt auf seine Rechnung - wenn er sein Handy am Eingang abgibt! Zeit füreinander solle man wieder haben, betont Besitzer Mark Gold. Und setzt statt striktem Verbot auf den Sparsinn seiner Gäste. Und die merken dann vielleicht, wie angenehm ein Essen ohne Erreichbarkeitszwang sein kann!

Immer wieder billiger

Der von Mister Gold lobenswert angeregte Sparsinn ist gleichzeitig leider auch ein weiteres großes Problem der modernen Esskultur: In deutschen Haushalten sind die finanziellen Ausgaben für Nahrungsmittel anteilig gesehen merklich gesunken, wobei die Umsätze in den Tiefkühl- und Billigpreis-Sektoren gleichzeitig stetig wachsen. Es wird also nicht an der Nahrungsmenge gespart, sondern schlicht am Preis - viele scheinen durch ihren Sparsinn nicht mehr motiviert zu sein, angemessene Preise für Lebensmittel auszugeben. Interessant also, dass Fast Food dennoch boomt - obwohl die Preise dort in den letzten Jahren deutlich angezogen haben. Entscheidender Faktor scheint also letztendlich doch der Zeitmangel zu sein: Im Supermarkt wird das günstigste und am schnellsten zubereitete Produkt gewählt, unterwegs unter Zeitdruck wieder die schnellste Variante, hier aber unabhängig vom Preis. Es wird gespart, wo man kann - sei es nun an der Zeit, Geld, oder bestenfalls an beidem.

Der einsame Akt des Essens

 

Durch diese sehr pragmatische Herangehensweise an die Nahrungsaufnahme bedeutet Essen vielen inzwischen oftmals nicht mehr als genau das: Aufnehmen von Nahrung. Ob man sich alleine vor dem Fernseher etwas reinschaufelt oder für das Abendessen ein Snack-Automat herhalten muss: Essen wird "auf seine uninteressanteste Dimension reduziert", beobachtet der Autor Paul Ariès. Schon in Schulkantinen ist alles auf die schnelle Nahrungsversorgung ausgerichtet - den Kindern fehlt die Möglichkeit, differenzierte Esskultur kennenzulernen. In Ländern wie Frankreich oder Italien greift inzwischen der Staat ein, um solcher frühen "Verrohung" vorzubeugen: An Schulen sind Snack-Automaten generell verboten, Kinder im frühen Grundschulalter durchlaufen sogar eine Art Geschmacksausbildung. Die soll aus den Kids keine Gourmets machen - sondern einfach bewusste Esser.    

 

Im Kleinen Zeit nehmen 

Das Problem der Thematik liegt sicher nicht in der einen Mikrowellen-Lasagne, die man sich hin und wieder holt, wenn es schnell gehen muss. Vielmehr ist in diesen immer häufiger genutzten "Abkürzungen" die stetige Alltagsbeschleunigung erkennbar, die Wirtschaft und Technik forcieren. Je öfter man sich keine Zeit zum Kochen nehmen kann, desto öfter greift man ins Tiefkühlfach, und desto mehr wachsen diese Märkte, womit man sich immer mehr daran gewöhnt, der Zeit und des Geldes wegen Abstriche zu machen. Und sorgt man erst einmal nicht nur für sich, sondern auch die Familie, wird es nicht leichter: Sich bei den verschiedenen Tagesabläufen und -rythmen für einander Zeit zu nehmen, fällt immer schwieriger. Und am Ende isst jedes Familienmitglied für sich allein. Das mag manchmal nicht anders gehen, umso entschlossener sollte man aber hin und wieder dagegen lenken: Durch einen gemeinsamen Kochabend oder Restaurantbesuch, vielleicht auch zu einem festen Termin, den sich jeder frei hält. Oder einfach nur, dass jeder gleichzeitig mit seinem Essen am Tisch sitzt - denn schon dadurch gewinnt man viel: Beisammensein, Gespräche, neue Ideen für die eigenen Mahlzeiten. Und am Besten hängt man noch einen Handykorb an der Küchentür aus - davon profitiert man nämlich nicht nur, wenn es Rabatt gibt...

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